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Wieviel Vertraulichkeit bedeutet «Off the record»

April 19, 20264 min read

Im Nachgang zum «Fall Fischer» hat sich eine hochkontroverse Debatte entwickelt um die Frage von Vertraulichkeit im Journalismus. Konkret dreht sie sich um die Frage: Was heisst eigentlich «Off the record» genau? Und wie sind die Spielregeln dafür?

Zum Sachverhalt, der den Ausgangspunkt für die Debatte bildet: 10vor10 Journalist Pascal Schmitz will ein Portrait über den Schweizer Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer drehen. Dabei sollen Fischers spezielle Persönlichkeit, seine Spiritualität, seine Werte etc. dargestellt werden. In der Mittagspause, so erzählt es später Pascal Schmitz, soll Fischer dann ungefragt erzählt haben, dass er 2022 mit einem Fake-Covid-Zertifikat an die olympischen Spiele in China gereist sei und dafür mit einer Geldstrafe belegt worden sei. Nachdem Fischer das erzählt hatte, soll der Medienchef des Eishockeyverbandes, Finn Sulzer, nachgeschoben haben, dabei habe es sich jetzt aber um eine «Off-the-record» Information gehandelt. Mit am Tisch sassen neben Fischer, Sulzer und Schmitz auch noch ein Kameramann von SRF. Belege für diesen Handlungsverlauf gibt es nicht, aber dieser Ablauf wird von Schmitz behauptet und (bislang) von niemandem bestritten.

In der Folge brach Schmitz die beabsichtigte Story ab, liess sich den Strafbefehl zustellen und plante eine ganz andere Story. Nur: Bevor Schmitz den Scoop landen konnte, hatten Fischer und der Verband bereits eine Vorwärtsstrategie beschlossen und waren am Montagabend von sich aus an die Öffenlichkeit gegangen.

Worauf sich eine heftige medienethische Debatte ergab: Hatte SRF-Schmitz das Vertrauen von Fischer missbraucht? Darf ein Journalist eine Information, die ihm beim Mittagessen im Vertrauen erzählt wird, so gegen die Person einsetzen? Was bedeutet eigentlich «Off-the-record»?

Die Debatte unter Journalisten, wie sie z.B. auf LinkedIn geführt wurde, zeigt: Nicht einmal die Profis sind sich einig. Da stehen auf der einen Seite beispielsweise BEOBACHTER-Chefredaktor Dominique Strebel, sekundiert von ZHAW-Journalistik-Professor Vincenz Wyss. Sie vertreten die Haltung, «Off the record» bedeute lediglich, der Medienschaffende dürfe die erhaltene Information nicht der Quelle zuordnen, die sie ihm - eben off the record - gegeben habe. Heisst: Wenn der Journalist eine andere Quelle findet, welche die Information bestätigt, kann er sie verwenden - er darf einfach die Ursprungsquelle nicht verraten.

Andere widersprechen. Peter Hossli beispielsweise, Ringier-Journalist, früherer Kaderjournalist, findet: «Off the record heisst off the record. Nichts, was einem in einem Off-the-record-Gespräch gesagt wird, darf verwendet werden.» Und führt noch eine neue Kategorie «Background» ein, die er dann aber auch wieder nicht definiert. Wahrscheinlich meint er damit Informationen, die nicht einer namentlich genannten Quelle zugeordnet werden sollen. Lukas Hadorn, Dozent und Moderator, findet dafür noch einen anderen Begriff: «Not for attribution» - ein Begriff, der dem Schreibenden gänzlich neu ist im hiesigen Sprachgebrauch.

NZZ-Wirtschaftsjournalist Thomas Schlittler wiederum widerspricht Hossli und fragt rhetorisch, ob dieser denn tatsächlich z.B. Informationen mit ins Grab genommen hätte, falls ihm - hypothetisch - ein Pierin Vincenz vor 15 Jahren «off-the-record» anvertraut hätte, dass er ein paar fragwürdige Geschäfte getätigt hätte. Hossli bekennt aufgrund der Provokation, genau deshalb laufe er weg, wenn ihm jemand etwas «off-the-record» erzählen wolle - um sich nicht zum Mitwisser machen zu lassen. Auch eine Aussage es ehemaligen Blick-Politchefs Jost Auf der Maur geht in diese Richtung: Er beklagt, er habe sich jeweilen geärgert, wenn ihm Informationen «off-the-record» zugetragen worden seien. «Wieso gibt mir jemand als Journalist solche Infos, die niemanden was angehen sollen?»

An anderer Stelle vertritt Schlittler schliesslich die Auffassung, bei einem überwiegenden öffentlichen Interesse dürfe ein Journalist eine «Off-the-record»-Zusage auch mal brechen. Was er nicht sagt: Wer über das überwiegende öffentliche Interesse entscheidet. Er meint aber wohl: Natürlich der Journalist. Der aber auch ein Interesse hat, eine gute Geschichte zu bringen.

Das Fazit der Diskussion zeigt: In einem erheblichen Punkt des Journalisten-Handwerks liegen die Meinungen unter den Praktikern meilenweit auseinander, was «Off the record» wirklich bedeutet. Und auch der Presserat, das Selbstregulierungsorgan der Schweizer Medien, gibt keine Antworten. Weder in der Erklärung der Rechte und Pflichten noch in den Richtlinien wird der Begriff «off-the-record» auch nur erwähnt. Klar ist aber eines: Auch wer ein Gespräch oder bestimmte Informationen für «Off the record» erklärt: Eine Gewähr, dass dies eingehalten wird, gibt es nicht.

Für die Seite derjenigen, die Medien- und Interviewanfragen beantworten sollen, kann diese Praxis und die offenbar ganz individuelle Handhabe der einzelnen Medienschaffenden eigentlich nur eine Konsequenz haben: Wir führen keine Off-the-record- Gespräche und erzählen Medienschaffenden nichts, das nicht auch morgen genau so in der Zeitung stehen könnte. Was wahrscheinlich aber auch schon vor der Causa Fischer der vernünftigste Rat war.

Patrick Senn

Patrick Senn ist Director bei der comexperts Ltd, seine Themenschwerpunkte sind Krisenkommunikation und Auftrittskompetenz.

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