In dieser Gondel starb die 61-jährige Skifahrerin

Wenn ein schwatzhafter VRP die Krisenkommunikation sabotiert

March 19, 20264 min read

Schon wieder hat diese Woche ein tragisches Ereignis die Schweiz ereilt: Im Titlis-Skigebiet ist eine Gondel abgestürzt, die 61-jährige Skifahrerin, die sich in der Gondel befand, ist zu Tode gekommen. Die Aufmerksamkeit der Krisenkommunikations-Community hat aber eine Aussage des Verwaltungsratspräsidenten der Bahnen geweckt.

Hans Wicki ist Verwaltungsratspräsident der Titlis Bahnen. Und als Nidwaldner FDP-Ständerat einer, der sich wohl gerne in den Medien sieht. Auf BLICK.CH und auf TAGESANZEIGER.CH hat er sich heute erstmals zu dem Unglück von gestern geäussert.

Aber warum nur? Inhaltlich hat Wicki eher für Verwirrung gesorgt als zur Klärung beigetragen. «Es passierte, als Mitarbeiter die Gondeln einparkieren wollten». Die Geschichte auf BLICK.CH ist mit einem Zitat von Wicki übertitelt. Ein Zitat, das Fragen aufwirft. Denn der CEO der Titlisbahnen, Norbert Patt, machte gestern in seiner Medienkonferenz diese Aussage nicht. Wicki weiter: «Aufgrund des starken Windes haben die Mitarbeiter entschieden, die Bahn abzustellen und die Gondeln in Sicherheit zu bringen.»

Gehen wir davon aus, dass dem so ist. Und dass Patt, der beim Unfall gemäss seiner gestrigen Aussage nicht auf der Anlage war, zum Zeitpunkt der Medienkonferenz vielleicht schlicht noch nicht wusste, wann genau die Gondel sich vom Seil gelöst hatte und in die Tiefe gestürzt war. - Daran ist grundsätzlich nichts zu kritisieren, professionelle Krisenkommunikation verlangt schliesslich explizit danach, nur gesicherte Fakten zu publizieren. Kommt hinzu, dass es nicht die Titlisbahnen sind, welche den Sachverhalt abklären, sondern die SUST, die Schweizerische Unfalluntersuchungsstelle. Bei ihr liegt dann auch die Informationshoheit.

Abgestürzte Gondel der Titlisbahnen

Wicki, der Verwaltungsratspräsident, verstösst deshalb schon mit seiner ersten Aussage gleich zweifach gegen anerkannte Best-Practice-Regeln der Krisenkommunikation. Zum einen, weil er über einen Sachverhalt spricht, der nicht in die Kommunikationshoheit der Bergbahnen gehört. Zum zweiten, weil der Vorgang des Sicherns der Gondeln eine rein operative Tätigkeit ist. Wenn überhaupt jemand der Bergbahnen darüber eine Aussage treffen sollte, dann wäre das CEO Patt. Indem Wicki ihm dazwischengrätscht und Kommunikationsaufgaben übernimmt, die bei Patt angesiedelt sind, untergräbt er die Autorität seines CEOs und fällt ihm in den Rücken.

Aber noch nicht genug damit: Auf TAGESANZEIGER.CH wird Wicki auch noch mit dem Satz zitiert: «Unsere Mitarbeitenden haben richtig gehandelt - so wie sie ausgebildet wurden.» Es ist die zweite Anmassung, die sich Wicki leistet. Denn: Ob die Mitarbeiter richtig gehandelt haben oder nicht, auch darüber hat der Verwaltungsratspräsident der Bahnen keine Aussage zu treffen. Sondern entweder die Staatsanwaltschaft oder ein Gericht. Die Staatsanwaltschaft, falls ihre Untersuchung zum Schluss kommt, dass niemanden eine Schuld im Sinne des Strafgesetzes treffe. In diesem Falle stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein. Möglicherweise kommt sie aber auch zum Schluss, die Bahn hätte aufgrund des starken Windes schon viel früher den Betrieb einstellen müssen. Dann stünde eine Anklage gegen den oder die verantwortlichen Mitarbeiter ans Gericht im Raum, Straftatbestand: Fahrlässige Tötung durch Unterlassung.

Und noch schlimmer: Mit der Aussage, die Mitarbeiter hätten nur so gehandelt, wie sie ausgebildet worden seien, rückt er auch noch den oder die Ausbildungsverantworten in den Fokus der Strafverfolgungsbehörden.

Wicki war früher Regierungsrat und Baudirektor in Nidwalden, davor Devisenhändler, Börsenhändler und Manager. Heute ist er in Bern Ständerat. Er müsste um die Bedeutung der Gewaltenteilung wissen, dass er sich nicht in eine Strafuntersuchung einzumischen hat und auch, dass man keine Aussagen treffen sollte, die womöglich weitere Mitarbeiter belasten könnten.

Warum tut er es trotzdem? Will er Druck ausüben auf die Staatsanwaltschaft? Zumindest erweckt er diesen Eindruck und lässt damit Erinnerungen aufkommen an den Brandfall in Crans-Montana, wo sich viele fragen, ob die Staatsanwaltschaft die Kraft hat, eine unabhängige Untersuchung zu führen in einem Kanton, wo jeder jeden kennt. Man darf gespannt sein, wie sich die Berichterstattung hier noch entwickeln wird. Denn: Wicki ist nicht nur Verwaltungsratspräsident der Titlisbahnen, sondern auch noch Präsident des Verbandes Seilbahnen Schweiz. Und für diesen sind die heutigen Berichte darüber, dass die möglicherweise für den Unfall verantwortliche Klemme an der Gondel schon vor Jahren von der SUST als unzuverlässig abqualifiziert worden war, kein Ruhmesblatt. Warum, werden sich wohl die Medien schon bald fragen, hatte weder das zuständige Bundesamt noch der Seilbahnverband etwas unternommen?

Auch mit seiner Doppelrolle erweist Wicki der Krisenkommunikation der Titlisbahnen also einen Bärendienst.

Richtig wäre gewesen, einfach den Mund zu halten. Das Unglück der Titlisbahnen kann aktuell auf der Stufe der Geschäftsleitung kommunikativ abgearbeitet werden. Norbert Patt hatte bislang alles richtig gemacht, es gibt keinen objektiven Anlass, ihm in die Parade zu fahren. Im Gegenteil: Mit seiner Schwatzhaftigkeit hat Wicki für neue, zusätzliche Schlagzeilen und weitere Berichte gesorgt, die der Reputation der Titlisbahnen nicht helfen. Dabei muss bei einem Ereignis wie dem gegebenen die Zielsetung für die Kommunikation heissen, möglichst schnell Ruhe einkehren zu lassen.

Der professionelle Verwaltungsratspräsident weiss deshalb nicht nur, wann er in einer Krisenlage gefragt ist, sondern auch , wann er besser schweigt.

Patrick Senn ist Director bei der comexperts Ltd, seine Themenschwerpunkte sind Krisenkommunikation und Auftrittskompetenz.

Patrick Senn

Patrick Senn ist Director bei der comexperts Ltd, seine Themenschwerpunkte sind Krisenkommunikation und Auftrittskompetenz.

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