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SRG feuert Kontroverse neu an

May 18, 20268 min read

Es gibt eine goldene Regel in der Krisenkommunikation, an der viele scheitern. Das jüngste Beispiel ist - nicht zum ersten Mal - die SRG. Genauer gesagt: Die Geschäftsstelle der SRG Deutschschweiz. Die Regel besagt: Tische eine Krisenlage mit einer umfassenden Kommunikation möglichst schnell ab. Oder banaler gesagt: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Die SRG macht das Gegenteil und lanciert die Affäre um den Ex-Eishockeytrainer Fischer ausgerechnet noch einmal neu, als die Welle grad’ am Verebben war.

Letzte Woche hat die Ombudsstelle der SRG Deutschschweiz festgehalten, dass SRF die Programmvorschriften mit der Berichterstattung über den «Fall Fischer», der längst auch zu einem «Fall SRF» geworden ist, nicht verletzt hat.

Zur Erinnerung: Die Affäre Fischer hatte zur grössten inhaltlichen Kontroverse um SRF seit Jahren geführt; auch eishockeyferne Kreise ereiferten sich an der Frage, ob SRF die Information verwerten durfte von ex-Nationaltrainer Patrick Fischer, er sei 2022 mit einem Fake-Covid-Zertifikat an die olympischen Spiele gereist. Die Affäre wurde in der Öffentlichkeit hoch kontrovers aufgenommen, SRF erlitt einen enormen Reputationsschaden - Verleger Peter Wanner z.B. sprach von einem «folgenschweren Vertrauensbruch». Erst recht, als wenige Wochen später ausgerechnet von demjenigen Journalisten, der die Affäre ausgebracht hatte, rassistische und primitive Sprüche auftauchten und SRF an dem Journalisten festhielt.

Wer die Angelegenheit unaufgeregt analysiert, kann kaum zu einem anderen Schluss kommen, als dass man die Recherche über Fischer selbst kontrovers sehen kann. Es lassen sich für verschiedene Positionen berechtigte Argumente finden.

Kaum zu bestreiten ist hingegen, dass die Angelegenheit der SRG und SRF bei einem Teil der Öffentlichkeit viel Goodwill gekostet hat und zu einem Reputationsverlust führte.

Auf der Basis dieser Lageeinschätzung wird jetzt letzte Woche die Beschwerdeantwort der Ombudsstelle von SRF fertig, welche sich mit den Beschwerden gegen die Berichterstattung von SRF in dem Fall befasst und alle Beschwerden aus dem Publikum abweist.

Einschätzung der Beschwerde-Erledigung

Zunächst einmal zur Einordnung: Diese «Ombudsstelle» ist in diesem Fall einfach ein aufgeblasenes Synonym für den ehemaligen Aargauer SP-Regierungsrat Urs Hofmann. Die Stellungnahme ist seineStellungnahme, nachdem Esther Girsberger, die ebenfalls der Ombudsstelle angehört, in den Ausstand getreten war - sie ist mit einer Redneragentur verbandelt, die Patrick Fischer als Speaker vermittelt. Hofmann als Ombudsmann macht die Ausgangslage nicht einfacher. Ein Linker, der über die Berichterstattung des - in den Augen ihrer Kritiker - linken SRG-Fernsehens urteilt? Kommunikativ auf jeden Fall schwieriger, als wenn da z.B. ein Ur-Liberaler urteilen würde. Und noch schwieriger: Hofmann war 34 Jahre lang Berufspolitiker. Publizistisch-redaktionell war er nie tätig. Von Haus aus ist er Jurist.

Um die nachfolgende Kommunikation der Geschäftsstelle SRG Deutschweiz zu beurteilen, ist es im nächsten Schritt nötig, zunächst den Gehalt der Stellungnahme von Hofmann zu untersuchen.

Und die übernimmt in praktisch sämtlichen Punkten das Narrativ der SRF-Chefredaktion. Der einzige Kritikpunkt Hofmanns betrifft den Auftritt Schmitz’ in der Sendung 10VOR10 vom Mittwoch, 15. April 2026 - das dieser Auftritt verunglückt war, hatte SRF-Chefredaktor Tristan Brenn aber bereits selbst vorgetragen.

Das heisst nicht, dass Hofmann überall falsch liegt: Seine Begründung, die Relevanz für eine Berichterstattung auch noch Jahre nach dem Vorfall sei deshalb gegeben, weil es um die Integrität einer Person des öffentlichen Lebens gehe: Fischer habe in einem Interview erst öffentlich bekannt, sich impfen zu lassen, und dann doch das Gegenteil getan, ist nachvollziehbar. Ebenso ist richtig ist z.B. seine Feststellung, dass es nicht SRF war, sondern primär private Medienhäuser wie der BLICK oder die NZZ, die Fischers Rücktritt gefordert hätten (Links eingefügt durch comexperts.ltd).

In anderen Punkten hätte es aber für Hofmann durchaus Raum gegeben, mehr Distanz zu signalisieren und nicht einfach alles unbenommen von der SRF-Führung zu übernehmen: So war die Anmoderation in der TAGESSCHAU vom 14. April 2026 beispielsweise alles andere als sachlich-zurückhaltend, sondern versuchte, eine Aussage Fischers zu widerlegen, welche dieser gar nie gemacht hatte. Und der Beitrag in der Sendung 10VOR10 am selben Abend war selbstverständlich ebenfalls wenig ausgewogen: In der Sendung äusserten sich ausschliesslich Personen, die Fischer kritisierten. Teilweise berechtigt - dass Fischer gegen das Gesetz verstossen hatte, blieb ja unbestritten. Einige Stimmen waren hingegen komplett irrelevant, beispielsweise die Aussage eines früheren Botschafters der Schweiz in Deutschland, Paul Seger, der ohne jede Substanz behauptete, Fischer habe der Schweiz geschadet und in bunten Farben ausmalte, welche Konsequenzen es hätte haben können, wenn Fischer in China aufgeflogen wäre. Nur: Der ex-Botschafter war ja nie in China tätig, seine Behauptungen reine Stimmungsmache ins Blaue hinaus.

Auch die Aussage, dass die damalige Variante des Virus schon längst keine Gefahr mehr darstellte und die Pandemie für die meisten westlichen Länder bereits beendet war, wurde in der Berichterstattung lediglich in Frageform angedeutet, auf die der ehemalige Präsident der Kantonsärzte dann reagierten und noch einmal über Fischer herziehen durfte.

In der Sendung 10VOR10 vom Mittwoch, 15. April 2026 tat Schmitz kund, dass FORD als Sponsor des Eishockeyverbandes das Verhalten von Fischer für inakzeptabel hielt. Dass es aber auch Aussagen von Sponsoren gab, welche die Entlassung Fischers durch den Eishockeyverband kritisierten, fehlte in der Berichterstattung - womit selbstredend das programmrechtliche Gebot, die Vielfalt der Ansichten angemessen zum Ausdruck zu bringen, verletzt ist. Auch die Frage, welche Relevanz die Meinung eines Sponsors hat, wenn dieser in einer anderen Stellungnahme die Aussage macht, die Verantwortung für Personalien läge einzig beim Eishockeyverband, hätte Hofmann durchaus kritisch sehen können.

Brisant auch: Beim Thema, ob das Gespräch zwischen Fischer und Schmitz «on-the-record» oder «off-the-record» war, zitiert Hofmann die publizistischen Richtlinien von SRF. Die datieren vom 18. März 2026. Exakt demselben Tag also, an dem das inkriminierende Gespräch selbst stattgefunden hatte. Bloss ein Zufall? Die neuen publizistischen Richtlinien legen eine Interpretation von «off-the-record» nahe, die längst nicht unbestritten ist in der Publizistik und führt neue Begrifflichkeiten ein wie «strictly-off-the-record» oder «on background», von denen viele Journalisten noch nie gehört haben, wie verschiedene von ihnen erzählen.

Zwischen-Fazit und Lagebeurteilung

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die Stellungnahme von Hofmann überzeugt in einigen, eher juristischen Punkten. In anderen, den publizistischen, bleibt sie fragwürdig und übernimmt bisweilen ohne eigene Begründung einfach die SRF-Position. Und in dem wesentlichsten Punkt, ob SRF die Informationen überhaupt hätte verwenden dürften, drückt sich Hofmann mit formaljuristischen Argumenten um eine klare Stellungnahme: Die Ombudsstelle könne lediglich beurteilen, ob die ausgestrahlten Beiträge gegen Art. 4 und 5 des Radio- und TV-Gesetzes verstossen hätten - und nicht, ob hinter den Kulissen korrekt gearbeitet worden sei.

Die Stellungnahme der Ombudsstelle wird damit die Beschwerdeführer kaum zufriedenstellen, im Gegenteil. Und nicht nur das: Sie hat das Potential, neue Fragen aufzuwerfen, eine neue Welle der Empörung zu lancieren. Hinzu kommt, dass unterdessen der Start der Eishockey-Heim-WM unmittelbar ansteht: Der Bericht wurde am 13. Mai publiziert, am 15. fanden die ersten Spiele statt.

Denn für die Lagebeurteilung relevant ist auch: Das Team der Schweiz unter Trainer Patrick Fischer gehörte als Nummer zwei der Weltrangliste zu den Turnierfavoriten. Würde die Mannschaft die Erwartungen erfüllen, könnte das zu einer Versöhnung des Publikums beitragen; wenn die Leistungen des Schweizer Teams jedoch hinter den Erwartungen zurückbleiben, besteht durchaus das Risiko eines erneuten Shitstorms gegen SRF. Ein Versagen des Teams könnte von vielen Fans und der Öffentlichkeit auf die Unruhe durch die Entlassung von Fischer infolge der SRF-Enthüllung zurückgeführt werden.

Was bedeutet diese Lagebeurteilung jetzt für die Kommunikation?

Diese Ausgangslage lässt für die Kommunikationsarbeit der SRG Deutschweiz, bei welcher die Ombudsstelle angesiedelt ist, eigentlich nur eine Kommunikationsvariante als vernünftig erscheinen. Nämlich: Passendes Moment abwarten, um die Stellungnahme des Ombudsmannes möglichst ohne grosses Aufhebens zu publizieren. Und hoffen, dass die Angelegenheit ohne viel Wirbel vorbei geht. Der Tag vor Auffahrt wäre eigentlich ein guter solcher Moment gewesen: Viele Menschen in den Kurzferien, ausgedünnte Redaktionen, die Chance auf wenig Echo für die Beschwerdeabweisung.

Aber nein: Die Kommunikation der SRG Deutschschweiz geht hin und fährt eine grosse Kampagne auf ihren Social-Media-Kanälen und sonst wo. Kernbotschaft: Seht mal her, die Ombudsstelle findet, wir haben alles richtig gemacht. Und lädt dann noch zur Debatte ein: Was findet ihr?

Instagram Karrussel-Kampagne der SRG Deutschschweiz.

Die Reaktionen sind entsprechend. Widi Winterthur schreibt auf Insta: «Das ist genau die Art von selbstzufreidener Siegeskommunikation, die Vertrauen nicht stärkt, sondern weiter beschädigt (…) Wer aus einem menschlich und medial heiklen fall ein grafisches «Wir hatten recht» macht, zeigt wenig Gespür für die eigene Verantwortung.» Oder marvin.szzz: «Findes unnötig, dass mer am Tag vo WM-Start de Fall Fischer numal muss ufrolle.» Oder andy flemming: «…sagt die verfilzte SRG Witzfigurenverein,»

Professionelle Krisenkommunikation geht anders

Diese Reaktionen verwundern nicht und bestätigen: Aus der Sicht der professionellen Krisenkommunikation war das Vorgehen der SRG Deutschschweiz naiv und unprofessionell. In einer Krise gilt: Möglichst alle Fakten in einem Aufwisch auf den Tisch. Auch wenn’s wehtut und eine Welle der Kritik mit sich bringt. Die muss man in einer Krise aber sowieso aushalten. Wie jede Welle wird sie aber auch wieder abebben, und dann gilt es, die Geschichte hinter sich zu lassen und nach vorne zu schauen.

Zugegeben, dieses taktische Vorgehen benötigt oft immer noch Überzeugungskraft. Viele Organisationen wollen in der Krisenkommunikation lediglich einzuräumen, was bereits offensichtlich ist und nicht mehr abgestritten werden kann. Statt gleich reinen Wein einzuschenken, wird beschönigt und vernebelt. Fast immer mit dem Resultat, dass am Ende doch die ganze Misere auskommt, dass jedes neue Informationhäppchen als nächste «Enthüllung» gefeiert wird und ein Krisenfall oft wochenlang nicht aus den Schlagzeilen kommt. Zusätzlich zur Kritik an dem Sachverhalt selbst kommt dann noch der zusätzliche Vorwurf der versuchten Vertuschung. Mit dem entsprechenden Schadenspotential für Image und Reputation.

Patrick Senn

Patrick Senn ist Director bei der comexperts Ltd, seine Themenschwerpunkte sind Krisenkommunikation und Auftrittskompetenz.

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