
Erster Auftritt von Ex-Trainer Patrick Fischer
Patrick Fischer gibt gut zehn Tage nach dem Ende der Eishockey-WM ein Interview. Das Interessante daran: Nicht einem Alt-Medium. Fischer lässt sich vom früheren Tele 24 und BLICK-Chefredaktor Peter Röthlisberger interviewen, gefilmt im Zürcher Kaufleuten von einer privaten Video-Produktionsfirma. Veröffentlicht auf Youtube und gepusht über Insta. Damit versucht er, die problematische Komponente des heutigen Aktivisten-Journalismus zu umgehen. Wir analysieren die Erfolgschancen und ordnen ein:
Krisenkommunikation gegenüber der breiten Öffentlichkeit bedient sich klassischerweise der grossen Medienbetriebe: Online-Portale, Zeitungen, Radio und TV. Die Medienschaffenden, die dort tätig sind, werden über Medienmitteilungen, Points de Presse, Medienkonferenzen oder auch individuelle Recherchegespräche und Interviews mit Informationen bedient.
Manchmal ergänzt um die eigenen Kanäle auf Social Media-Plattformen wie Facebook, X, Instagram, Youtube oder TikTok. Aber eben: auch nur manchmal: Viele Organisationen sehen davon ab, diese Plattformen in Krisen- und Ereignislagen einzusetzen, weil sie über Social Media primär ihr Marken-Image pflegen – Beiträge zu negativ behafteten oder kritischen Themen passen nicht in diesen Feed. Zumal sie dort auch noch verweilen, nachdem die Krise längst vergessen ist. – Und das spätere Löschen von Beiträgen immer das Risiko eines neuen Shitstorms mit sich bringt.
Das Problem mit den Gatekeepern
Diese klassische Öffentlichkeitsarbeit in der Krise beinhaltet damit das stete Risiko der Medienkommunikation, dass die eigenen Botschaften nur ausschnittweise, aus dem Zusammenhang gerissen oder mit einem bestimmten Framing versehen transportiert werden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Berichterstattung von Nicola Berger in der NZZ zu dem Fall Fischer. «Der ehemalige Eishockey-Nationalcoach Patrick Fischer redet erstmals öffentlich – der Erkenntnisgewinn ist überschaubar» titelt der frühere KV-Stift seinen Artikel. Der Artikel setzt also schon im Titel einen kommentierenden Rahmen und gibt damit der Leserschaft vor, was sie von Fischers Auftritt zu halten hat, bevor er Bericht erstattet, was Fischer gesagt hat – und es der Leserschaft selbst überlässt, sich darüber ein Urteil zu bilden. Anschliessend folgen fünfeinhalb weitere Abschnitte Framing, bevor Berger überhaupt das erste Mal darauf eingeht, was Fischer in dem Interview sagt. Selbst mit Fischer gesprochen hat Berger offensichtlich nicht. Sein Framing besteht denn auch aus Versatzstücken und Mutmassungen. Und auch als er dann im sechsten Abschnitt erstmals tatsächlich auf das Interview zu sprechen kommt, schreibt er erst, was der geneigte Leser von Fischers Aussage zu halten hat, bevor er ihn wörtlich zitiert. Der gesamte Abschnitt lautet dann so:
«Mit seinem Interview versucht Fischer, die öffentliche Wahrnehmung seiner Person zu beeinflussen. Man kann sich darüber streiten, ob das gelungen ist. Allzu viel Einsicht zeigt Fischer nicht, kritische Nachfragen gibt es von Röthlisberger keine. Seine Weigerung, sich impfen zu lassen, erklärt Fischer so: ‹Ich beschäftige mich mit gewissen Themen, vor allem, wenn es um meine Gesundheit, meinen Körper geht. Ich höre stark auf mein Bauchgefühl. Das ist mein Anker. Darauf vertraue ich. Deshalb war für mich klar, dass ich mich nicht impfen lasse.› Diese Sichtweise ist ihm unbenommen. Mit einem ‹Bauchgefühl› ist die Urkundenfälschung aber nicht weggewischt.»
Manipulatives Framing
Das alles ist natürlich ein manipulatives Framing aus dem Lehrbuch. Genau so übrigens wie auch unser eigener obiger Satzteil «…titelt der frühere KV-Stift seinen Artikel». NZZ-Redaktor Berger wird damit geframt als Journalist ohne Studium und auf diese Weise im Subtext abgewertet.
Diese Art der geframten Berichterstattung ist in der heutigen Medienlandschaft üblich und wird in der Szene immer noch viel zu wenig hinterfragt. Genauso wenig wie die Tatsache, dass Journalismus heute primär mit der Technik des Storytellings arbeitet und sich praktisch alle Medientitel von «Objective Reporting» längst verabschiedet haben. Eine Geschichte zu erzählen folgt aber einer ganz anderen Dramaturgie, als einfach möglichst neutral die 7-W-Fragen zu beantworten. Damit eine Geschichte funktioniert, braucht es zugeschriebene Rollen, den «Good Guy» und den «Bad Guy». Dass der Gute vielleicht nicht nur gut und der Böse vielleicht auch Grautöne besitzt, dafür ist in einer Geschichte von 3800 Zeichen kein Platz.
Aber zurück zur Krisenkommunikation: Hat eine Zeitung einen Narrativ gesetzt, weicht sie davon nicht mehr ab. «Wir können die Geschichte nicht plötzlich ins Gegenteil verdrehen», hatte mir ein Chefredaktor dazu einmal wörtlich gesagt. Obwohl er sich vollständig bewusst war, dass das bisher verfolgte Narrativ an einigen faktischen Unpässlichkeiten litt.
Aber auch die NZZ ist hier ein gutes Beispiel: Journalist Berger hatte vom ersten Artikel an den Narrativ vertreten, Fischer sei untragbar geworden. Beispiele von Medienschaffenden, die im Verlaufe anhaltenden Berichterstattung einmal umgeschwenkt wären oder sich dem intellektuellen Reiz hingäben, eine Geschichte ganz bewusst auch einmal aus der anderen Perspektive zu erzählen, sind so selten wie eine Sonnenfinsternis.
Dieses Phänomen trifft aber nicht nur Medienschaffende. Die Theorie er kognitiven Dissonanz postuliert, dass es uns schwer fällt, neue Sichtweisen anzunehmen, wenn wir uns einmal festgelegt haben. Von Medienschaffenden würde man aber vielleicht einfach etwas mehr und genau diese Fähigkeit erwarten: Beispielsweise die Grösse, ausreichend Abstand zum Gegenstand der Berichterstattung zu wahren und sich nicht selbst zu einem Teil der Geschichte zu machen. Im Fall Fischer war aber genau das der Fall: Ob der Eishockeyverband Fischer auch fallengelassen hätte ohne den medialen Druck? Die Frage bleibt eine hypothetische, für die Krisenkommunikation bleibt die Erkenntnis: Die Medienschaffenden von heute verstehen sich nicht einfach als Unbeteiligte, die von der Seitenlinie beobachten und berichten. Sie wollen das Geschehen auf dem Spielfeld selbst beeinflussen.
Dynamik der Narrative unterschätzt?
Die ursprüngliche Krisenkommunikation des Schweizerischen Eishockeyverbandes hatte womöglich die gesamte Dynamik dieser Narrative unterschätzt. Fischer erwähnt im Interview seine Frustration darüber, dass der Verband beispielsweise nie erwähnt hatte, dass ein E-Mail-Verkehr mit SRF existierte, indem SRF-Journalist Pascal Schmitz anerkannte, dass das Mittagsgespräch «Off-the-record» geführt worden war. (Wobei bis heute keine der beiden Konfliktparteien diesen E-Mail-Verkehr vollständig offenlegte. Was eigentlich nur den Schluss zulässt, dass der vollständige Inhalt wohl beide Konfliktparteien schlecht aussehen liesse).
Dass sich Fischer zwei Monate nach dem Rausschmiss nicht z.B. an einer Medienkonferenz erklärte, zu der alle Medien Zugang gehabt hätten, ist bei der vorbestehenden Situation nachvollziehbar. Seine Botschaften wären auf diese Weise durch den Filter derjenigen Medienschaffenden transportiert (oder auch nicht transportiert) worden, die sich in der Sache schon längst festgelegt und mit zu dem Druck gegen Fischer beigetragen hatten, der ihn schliesslich den Job gekostet hatte. Nur ein Beispiel: Fischer tönt in seinem Interview an, dass es den angeblichen Druck der Sponsoren, von dem verschiedene Medien (SRF, NZZ) berichtet hatten, womöglich gar nicht gegeben hatte. Ein Punkt, den kein Medium aufnahm.
Kann man die Gatekeeper umgehen?
Mit dem eigenproduzierten Interview, geführt von einem Journalisten, der – anders als teilweise dargestellt – sehr wohl auch journalistisch-kritische Fragen adressierte, ist Fischer diesen journalistischen Filter ein Stück weit umgangen. Natürlich sind dieAlt-Medien darauf aufgesprungen und haben mit dem erwarteten Filter das herausgezogen aus dem Interview, das ihrem Narrativ entsprach. Besonders ergiebig ist diesbezüglich z.B. der direkte Vergleich der Berichterstattung der SRF-TAGESSCHAU und von TELE ZÜRI.
Die Berichterstattung am Abend des 9. Juni 2025 in der TAGESSCHAU auf SRF.
Die Berichterstattung am Abend des 9. Juni 2025 in den ZÜRI NEWS auf TELE ZÜRI.
Gleichzeitig aber hatten sich schon innerhalb der ersten 24 Stunden nach Publikation über 50’000 Personen das Interview auf Youtube angesehen. Wie viele Leute sich auf Patrick Fischers Instagram-Account das Video oder Ausschnitte angeschaut haben, ist öffentlich nicht einsehbar. Zusätzlich zu dem öffentlich zugänglichen Interview sprach Fischer gleichentags an der Branchenkonferenz der Sportartikelhändler, interviewt vom früheren SRF-Sportjournalisten und heutigen «MySports»-Moderator Jan Billeter. An der Branchenkonferenz hatte ein Journalist exklusiven Zugang: Rainer Sommerhalder von CH Media. Sommerhalder hatte zwar schon im April einen Artikel über die Affäre Fischer publiziert und war dort der Frage nachgegangen, ob Fischer wegen dem gefälschten Zertifikat auch noch eine sportrechtliche Untersuchung drohe. Der Beitrag kommt zum Schluss: Eher nicht, aber ausschliessen kann man es nicht – und hebt sich wohltuend vom Kesseltreiben vieler andererab.
Sommerhalder publizierte in den Zeitungen von CH-MEDIA am 10. Juni 2026 eine ganze Seite mit Zitaten von Fischer aus seinem Talk mit Billeter.
Ziel erreicht?
Stellt sich die Frage: Welches Ziel verfolgte Fischer und hat er es erreicht? Natürlich bleibt das Mutmassung. Aus der Beratungspraxis ist bekannt, dass es vielen Menschen, die medial im Fokus stehen und mit Vorwürfen eingedeckt werden, ein Anliegen ist, sich zu erklären. Und Sachverhalte richtigzustellen, die aus ihrer Sicht falsch dargestellt wurden. Das ist Fischer gelungen: Er hat – gut getimt – zwei grosse Plattformen, Youtube und die CH-MEDIA-Zeitungen für seine Sicht nutzen können. Anders als teilweise behauptet, hat er in einigen Punkten Klärungen herbeiführen können. Z.B., warum er zum Schluss gekommen war, dass aus seiner Sicht kein Risiko für die Mannschaft bestanden hatte, als Ganzes sanktioniert zu werden, falls er aufgeflogen wäre in China. Oder warum die Variante einer 21-tägigen Quarantäne für ihn nicht in Frage kam. –
Fischer hat auch – ebenfalls anders als einige Kommentatoren behaupten – durchaus Fehler eingestanden. Etwa, dass er zu naiv gewesen sei (bei beiden Auftritten), dass man nicht gut mit SRF kommuniziert hatte (bei der Branchen-Konferenz). Und auch, dass er sich bewusst ist, dass er seiner Vorbildrolle als Nationaltrainer nicht gerecht wurde (bei beiden Auftritten).
Zusätzliche Sympathiepunkte bei Sympathisanten?
In anderen Punkten hat er sich menschlich und verletzlich gezeigt, etwa, als er kurz innehalten und die Tränen verdrücken musste, als er auf die Belastung für seine Familie und seine Frau zu sprechen kam. Oder als er die Frage stellte, wer wohl den Auftrag ausgegeben hatte, im Stadion bei der Heim-WM Fan-Plakate einzuziehen, auf denen ihm für seine Arbeit gedankt worden war. Damit hat sich Fischer zweifellos Sympathiepunkte geholt und sich auch als Referent empfohlen. Denn anders als z.B. von der NZZ gemutmasst, zeichnen sich brillante Keynote-Speaker eben nicht durch einen geleckten Lebenslauf auf, sondern dadurch, dass ihre Geschichte Bruchstellen aufweist. Die lange anhaltende Standing-Ovation am Ende seines Auftritts an der Branchenkonferenz legt deshalb im Gegensatz zur Mutmassung der NZZ nahe, dass Fischers Erfolgsaussichten für seine nächsten Schritte durchaus intakt sind und ihn die Vorstrafe nicht im Wege steht.
Ob er mit seinen Auftritten allerdings die individuellen Haltungen der Menschen aufweichen und auf seine Seite ziehen konnte? Wohl eher nicht. Sichtet man heute die Kommentare, scheinen sich die Meinungen kaum bewegt zu haben. Wer vor Fischers Auftritten das Verhalten des SRF-Journalisten Pascal Schmitz als hinterfotzig und unehrenhaft taxierte, fühlte sich von Fischers Ausführungen bestätigt. Wer es schon vor seinen Auftritten als unmöglich und unentschuldbar erachtete, dass ein Nationaltrainer gegen die Covid-Vorschriften verstiess, dürfte von dieser Haltung ebenso wenig abgerückt sein.
Titelbild: Screenshot Youtube / Signorell Production GmbH










