Patrick Fischer im Gespräch mit Peter Röthlisberger

Erkenntnisse aus der Off-the-record Mail zwischen Eishockeyverband und SRF

June 11, 20266 min read

Einen Tag nach unserem letzten Beitrag in der Fischer-Affäre ist nun doch die E-Mail durchgestossen worden zwischen SRF-Journalist Pascal Schmitz und Finn Sulzer, dem Medienchef des Eishockeyverbands. Wir analysieren.

Wie war der Sachverhalt?

Interessant an der E-Mail ist die Tatsache, dass Schmitz selbst im ersten Satz auf ein «Off-the-record-Gespräch» verweist. Diese Formulierung erscheint zunächst problematisch für die Seite von SRF, deshalb hat wohl der Sender die E-Mail auch nicht selbst publik gemacht. Beweist die Formulierung, dass es sich also bei dem Gespräch doch um ein «Off-the-record»-Gespräch gehandelt hatte? SRF hatte immer das Wording verwendet, es sei im Vorfeld des Gesprächs keine «Off-the-record» Vereinbarung getroffen worden. Genau das sei aber nötig, wenn «Off-the-record» Informationen ausgetauscht würden. Patrick Fischer sagte in dem Interview mit Peter Röthlisberger wörtlich: «Unser Medienchef hat das ganz klar grad platziert. Schau, das ist logisch, das ist nicht für die Öffentlichkeit da und das ist auch bestätigt worden von Schmitz, noch am Tisch: Ja, das ist klar. Es hat es uns auch noch geschrieben am nächsten Tag, ihm sei die Off-the-record Vereinbarung bewusst.»

Röthlisberger hatte bei Fischer nicht explizit nachgefragt, wann der Begriff «Off-the-record» gefallen war. Fischers Aussage lässt sich aber so verstehen, dass der Medienchef des Eishockeyverbands, Finn Sulzer, wohl tatsächlich erst nach der Äusserung reingrätschte.

Dieser Ablauf passt auch sonst dazu, wie solche Gespräche ablaufen. Es erscheint lebensfremd, dass Fischer und/oder Sulzer beim Mittagstisch die Aussage eingeleitet haben könnten: «Ich sage Dir jetzt noch etwas off-the-record: Ich war bei den olympischen Spielen mit einem gefälschten Covid-Zertifikat gereist.» Die Variante, dass Fischer einfach spontan erzählt hatte, Sulzer selbst über diese Aussage erschrak, aber das Gefahrenpotential sofort erfasste und deshalb sofort nachschob, das sei jetzt aber «Off-the-record, gefallen, ist die wahrscheinlichste.

Ist das üblich?

Tatsächlich geschieht es in der gelebten Praxis immer wieder, dass in Recherchegesprächen Aussagen fallen, die nicht im Vorfeld schon als «Off-the-record» deklariert werden, sondern im Moment, nachdem sie geäussert wurden. Die Journalisten halten sich in aller Regel an den Hinweis, weil sie selbst kein Interesse haben, eine Quelle «zu verbrennen». Sie wissen genau: Die Person wird mir nie wieder Informationen geben, wenn ich mich daran halte. Oft wird eine Information markiert mit dem Satz: «Aber das haben Sie nicht von mir.» Ein Informant macht eine solche Aussage, wenn er möchte, dass die Information in die Öffentlichkeit kommt, aber nicht mit ihm als Quelle in Verbindung gebracht wird.

Was bedeutet «Off-the-record» denn rechtlich?

«Off-the-record» ist kein definierter Rechtsbegriff. Die Diskussion rund um den Fall Fischer hat gezeigt, dass sich nicht einmal die Medienbranche darüber einig ist, was der Begriff genau beinhaltet. Und offenbar auch die Bildungsinstitute, welche den Journalistennachwuchs ausbilden, kein klares Verständnis davon haben und mutmasslich den Nachwuchs über diese Fragestellungen auch nicht ausbilden - was der ganzen Branche inklusive den Fachhochschulen und Universitäten und auch dem Presserat ein schlechtes Zeugnis ausstellt.

SRF stellt sich auf den Standpunkt, auch «Off-the-record»-Informationen dürften verwendet, aber einfach nicht der Quelle zugewiesen werden?

SRF verwendet in seinen publizistischen Richtlinien verschiedene Begrifflichkeiten wie «Off-the-record» und insbesondere «Strictly-off-the-record», die auch langjährige Branchenkenner noch nie gehört hatten. Das ist problematisch. Wenn SRF für sich Spielregeln definiert, die nicht branchenweit anerkannt sind und die teilweise dem gelebten Alltag widersprechen und im konkreten Einzelfall dann sehr legalistisch auf der eigenen Definition beharrt, dann stehen sie u.E. in der Pflicht, ihre Interviewpartner wenigstens bei Beginn einer Zusammenarbeit aufzuklären über diese Regeln. Lustigerweise kritisieren die SRF-Konsumentenmagazine wie KASSENSTURZ von den Unternehmen in anderen Branchen, das sie das tun, selbst tut es SRF aber nicht. Da sollte die Direktion über die Bücher gehen.

Ist die Kritik von Fischer, SRF habe gelogen oder ihn absichtlich getäuscht, gerechtfertigt?

Fischer hatte, das erzählt er auch im Interview, mit vielen Medienschaffenden die Erfahrungen gemacht, dass er ihnen gegenüber offen sprechen kann, ohne dass jede seiner Aussagen dann journalistisch verwertet wird. Gerade im Sportjournalismus besteht häufig eine grosse Nähe zwischen Medienschaffenden und Sportlern: Man duzt sich, in früheren Jahren waren teilweise sogar Journalisten im Mannschaftsbus mitgereist.

Im Skizirkus, im Tennis oder in der Formel 1 reisen Medienschaffende und Sportler während der Saison monatelang gemeinsam von Austragungsort zu Austragungsort. Die Medienschaffenden wissen viele Dinge, auch private, über die sie nicht berichten. Fischer war sich diese Nähe gewohnt und ist mit Schmitz an einen Journalisten geraten, der aber nicht so funktionierte. Das er sich getäuscht fühlt, ist aus seiner Sicht nachvollziehbar.

Gleichzeitig sind die Aussagen von Fischer aber wieder nicht vollständig: Aus derselben E-Mail, aus welcher Fischer in seinem Interview Zitate vortragen liess, ging auch unmissverständlich hervor, dass SRF die Sache weiterverfolgen würde. Das hatte Fischer in dem Interview unterschlagen.

Warum?

Weil es den Eishockeyverband und dessen Kommunikation schlecht aussehen lässt. Natürlich hätte man auf die E-Mail sofort reagieren und den Krisenstab hochfahren müssen. Und die Angelegenheit zur Not bis in die obersten Gremien eskalieren. Wie Fischer sagt, sind die SRG und der Eishockeyverband ja auch Vertragspartner.

Das wäre doch journalistisch problematisch?

War denn das, was jetzt passiert ist, nicht problematisch? Lesen Sie die Kommentare aus dem Volk. Die sind sehr gespalten, und auch SRF hat sehr viel Goodwill und Glaubwürdigkeit verspielt. Dabei hätte es wohl durchaus Lösungen gegeben, die man hätte verhandeln können. Z.B., dass SRF zwar berichtet, aber wie das vorgesehen war, mit dem geplanten Portrait. In dem die Information über das Covid-Zertifikat eingebaut, aber nicht aufgebauscht wird. Es gab keine journalistische Verpflichtung, über die reine Information hinaus auch noch irgendwelche «Expertenstatements» von Dritten einzuholen oder die Sponsoren des Eishockeyverbands zu kontaktieren.

Das hätten dann doch einfach andere Medien gemacht?

Ja, und denen hätte der Verband mit einem vernünftigen Krisenmanagement den Wind aus den Segeln nehmen können. Z.B., indem man mit Swiss Olympic, dem Weltverband und den Sponsoren proaktiv Kontakt aufnimmt und ein Wording abspricht. Auf diese Weise hätte es womöglich gelingen können, die Sache einzutüten. - Natürlich unter der Voraussetzung, dass man auch verbandsintern die Eier hätte, einige Tage Medien-Gschtürm auszuhalten. Halt, stopp: Eine Sache wäre natürlich noch abzuklären gewesen. Die nämlich, ob dem Schweizer Team oder auch Fischer selbst für die bevorstehende Heim-WM irgendwelche Sanktionen hätten drohen können von Seiten irgendeines Verbandes. Das hätte sicherlich im Krisenstab abgeklärt gehört.

Swiss Olmypic hatte ja auch sehr kritisch reagiert...

Leider unreflektiert und unnötig schnell. Swiss Olympic hat ihre kritische Stellungnahme mit verletzten Werten begründet, dabei aber selbst gegen wichtige Werte unserer Gesellschaft verstossen. Beispielsweise dasjenige, dass eine Person erst angehört wird, bevor man über sie urteilt. Aus der Auftritt des Geschäftsführers von Swiss Olympic im Club von SRF war völlig unnötig. In einer Krise muss man wissen, wann man kommunizieren soll, aber eben auch, wann es besser ist, zu schweigen. Besser wäre eine kurze Stellungnahme gewesen: «Wir haben von der Sache Kenntnis genommen und dem Eishockeyverband signalisiert, dass wir Gesprächsbedarf haben. Wir werden diese Angelegenheit gemeinsam mit dem Eishockeyverband aufarbeiten und über die gemeinsamen Ergebnisse informieren.» Und fertig.

Und das hätte den Mediendruck gestillt?

Die Macht der Medien korreliert umgekehrt proportional mit der Führungsstärke der Gremien. Will heissen: Medien können Druck aufbauen. Dem kann man nachgeben - oder ihn aushalten. Nehmen Sie Gianni Infantino - der ja notabene Mitglied ohne Entscheidungsbefugnisse beim Swiss Olympic Exekutivrat ist. Nicht, dass ich ein Fan von ihm wäre - ganz im Gegenteil. Aber eines muss man ihm lassen und neidlos anerkennen: Infantino hat einen breiten Rücken wie keiner. Dem käme es doch nie in den Sinn, sich von ein paar negativen Zeitungskommentaren in die Knie zwingen zu lassen. Ein bisschen mehr von diesem Persönlichkeitsanteil von Infantino würde vielen Führungskräften gut anstehen.

Patrick Senn

Patrick Senn ist Director bei der comexperts Ltd, seine Themenschwerpunkte sind Krisenkommunikation und Auftrittskompetenz.

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