Matthias Hüppi an der Medienkonferenz vom 17.5.2026

Chaostage beim FC St. Gallen

May 27, 2026•15 min read

Der FC St.Gallen provoziert die grösste Vereinskrise seit langem - und das mitten im grössten sportlichen Erfolg seit 26 Jahren. Kaum war der Cupsieg errungen, wurden immer mehr Informationen bekannt, die darauf hindeuten, dass im Hintergrund ein erbitterter Machtkampf tobt - oder gar ein eigentlicher Putsch im Gange war.

Eine Analyse aus der Sicht von Krisenkommunikation und -management.

Der Sachverhalt

Für die breite Öffentlichkeit begann das Desaster Minuten nach dem 0:3 Sieg im Berner Wankdorfstadion gegen Stade Lausanne Ouchy. Im Interview mit SRF-Sportmoderator Rainer Maria Salzgeber macht der Verwaltungsratspräsident des Vereins, Matthias Hüppi, die folgende Aussage:

Ab jetzt überschlagen sich die Nachrichtenmeldungen. Am Dienstag nach Pfingsten liegen schliesslich die folgenden Fakten vor:

Mitte März hatte ein Teil der Gross-Aktionäre der FC St.Gallen Event AG den Verwaltungsräten Beni Würth und Patrick Gründler mitgeteilt oder mitteilen lassen, dass sie auf die nächste GV hin im Verwaltungsrat «nicht mehr erwünscht seien» (Zitat von Beni Würth auf TAGBLATT.CH). Darauf hätten sie und auch die Verwaltungsräte Christoph Hammer und Peter Germann entschieden, aufgrund dieses Vertrauensentzugs per Ende Juni 2026 zurückzutreten. Im VR verblieb damit lediglich Patrick Thoma; er wurde erst im November 2025 gewählt - als Vertreter der Grossaktionäre. Die Wahl war damals schon auf Skepsis gestossen, weil der Verein bislang explizit die Grossaktionäre aus dem Verwaltungsrat heraushalten wollte.

Verwaltungsratspräsident Matthias Hüppis Vertrag läuft Ende 2026 aus; offenbar wurde ihm ein Angebot unterbreitet, zu dem er sich aber nicht äusserte. Das lässt sich aus einem Interview schliessen, das der frühere St. Galler Regierungsrat Stefan Kölliker bei SRF gab. Kölliker bestätigte dort Gerüchte, dass er «vor sechs Wochen» vom Aktionariat kontaktiert worden sei, ob er Verwaltungsrat (und nach dem Ausscheiden von Hüppi) auch Verwaltungsratspräsident werden wolle. Hüppi sagt dann an der Medienkonferenz vom Mittwoch, er hätte gesagt, er wolle sich erst Ende Mai dazu äussern, ob er weitermache.

Neue Figuren werden ins Spiel gebracht

Über ungenannte Quellen werden auch die weiteren vorgesehenen Mitglieder des «neuen» Verwaltungsrats bekannt: Zunächst berichtet BLICK.CH am Dienstagmorgen nach Pfingsten, dass der frühere Bundesliga-Torwart Marwin Hitz (zuletzt beim FC Basel) Verwaltungsrat beim FC St.Gallen werden soll. Praktisch gleichzeitig weiss das ST.GALLER TAGBLATT, ebenfalls ohne Quellenangabe, von weiteren designierten Verwaltungsräten. Genannt werden der Treuhänder Urs Baumer, die Weinfelder Rechtsanwältin Martina Wüthrich und, eben, Stefan Kölliker, als Nachfolger von Matthias Hüppi.

Was auffällt und sofort Fragen zur Compliance aufwirft: Die neuen Köpfe sind aus anderen Funktionen vielfältigst miteinander verbandelt. Um nicht zu sagen: Verfilzt. Kölliker, der designierte neue Präsident, war 16 Jahre lang für die SVP im St. Galler Regierungsrat. Rechtsanwältin Martina Wüthrich ist in der Weinfelder Anwaltskanzlei «muripartner» tätig. Eine SVP-Kanzlei, wenn man so will: Der Thurgauer SVP-Nationalrat Pascal Schmid ist dort Partner, der Thurgauer SVP-Ständerat Jakob Stark arbeitet als «Konsulent» mit.

Als dann am Mittag - wiederum gerüchteweise - kolportiert wird, Hüppi werfe den Bettel sofort hin, falls sich die Aktionäre Patrick Thoma und Roland Gutjahr nicht zurückziehen würden, fügt sich das Bild: Gutjahr ist der Vater der Thurgauer SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr. Ist also ein Komplott im Gange von Thurgauer SVP-Exponenten, welche den FC St.Gallen putschen wollen?

SVP wehrt sich dagegen, mit dem Komplott in Verbindung gebracht zu werden

Der St. Galler Kantonalpartei der SVP wird auf jeden Fall so gschmuch ob den Vorgängen, welche schon längst keinen Ostschweizer Stammtisch mehr kalt lassen, dass sie sich am Dienstagabend zu einer Stellungnahme veranlasst sieht. «Die SVP des Kantons St.Gallen hält fest, dass keiner ihrer aktiven Exponenten oder Exponentinnen in irgendeiner Weise über die künftigen Absichten der Grossaktionäre informiert war oder involviert ist. Eine Verbindung zur Partei ist daher nicht angebracht.» Deutlicher kann man kaum sagen, dass man nichts mit den Putschisten zu tun haben wolle.

Bemerkenswert dann der Schritt der designierten Verwaltungsrätin Martina Wüthrich. Am Mittwochmorgen wirft sie bereits das Handtuch und zieht sich zurück. Vielsagend die Aussage, mit welcher sie sich auf TAGBLATT.CH zitieren lässt: «Angesichts der aktuellen Entwicklungen, die mir in dieser Art in keinster Weise bekannt waren, stelle ich mich für das Mandat des Verwaltungsrates nicht mehr zur Verfügung.» Wüthrich stellt damit in den Raum, dass sie von den Grossaktionären, die sie ins Boot holen wollten, getäuscht worden sein könnte darüber, was im Hintergrund wirklich vor sich ging.

Der Filz der Immobilien-Buden

Es gibt aber noch eine zweite Ebene der Verfilzung: Die geschäftlichen Verstrickungen. Sowieso fällt auf, dass die meisten der Grossaktionäre beim FCSG im Immobilien-Business tätig sind. Das gilt z.B. für den letzten noch verbliebenen Verwaltungsrat Patrick Thoma. Er ist Verwaltungsratspräsident der Thoma Immobilien Treuhand. Er ist derjenige, der erst im letzten Herbst in den VR gewählt wurde, damit die Grossaktionäre dort auch vertreten sind. Thoma soll gemäss dem Blog gruenweiss.sg zusammen mit Gutjahr schon in der Vergangenheit einmal versucht haben, den FCSG an Investoren zu verkaufen.

Der neue designierte VR-Präsident Kölliker sitzt im Verwaltungsrat von Thomas Immobiliengesellschaft und mit ihm gemeinsam auch im Verwaltungsrat der Admicasa für Immobilienentwicklung. Diese will im St.Galler Gründenmoos, unmittelbar auf der anderen Seite der Autobahn beim Stadion des FC St.Gallen, für CHF 150 Mio. einen Sportpark realisieren, wie Kölliker und Thoma eben erst auf stgallen24.ch erzählten. Das Projekt, das erst als Public-Private-Partnership gedacht war, wird allerdings von vielen bereits als tot betrachtet, nachdem sowohl der Kanton wie auch die Stadt St. Gallen ausgestiegen sind.

Klar ist aber: Die Interessenkollisionen sind offensichtlich. Dass auch noch der designierte Verwaltungsrat Hitzig mit Thoma geschäftlich verbunden sein soll, liest sich da eher als Lappalie.

Die St.Galler Kantonsregierung schaltet sich ein

Die Gesamtumstände haben am Dienstag dazu geführt, dass sich sowohl die St.Galler Kantonsregierung wie auch die Stadtregierung kritisch äusserten zu den Putschplänen und die Parteien aufriefen, sich hinter die Sache zu stellen und Eigeninteressen zurückzustellen. Hinter den Kulissen wird zu diesem Zeitpunkt wohl intensivst verhandelt. Am Abend erreicht die Medien auf jeden Fall eine Einladung für eine Medienkonferenz am Mittwoch um 11:00 Uhr.

TAGBLATT.CH berichtete am Dienstagabend bereits, der Putsch sei abgeblasen, Hüppi würde wohl als Sieger aus dem Hoselupf hevorgehen. Das bestätigte sich schliesslich an der Medienkonferenz vom Mittwoch um 11:00 Uhr. Verwaltungsratspräsident Matthias Hüppi gibt dort bekannt, der bisherige Verwaltungsrat bleibe im Amt, alle Verwaltungsräte hätten ihre Rücktritte zurückgenommen. Die vier Aktionäre Patrick Thoma, Roland Gutjahr, Ernst Eisenhut und Martin Jäger würden ihre Aktienpakete an die anderen Grossaktionäre verkaufen. Und Thoma ist wohl per sofort auch nicht mehr Mitglied im VR - auch wenn das explizit nicht gesagt wird.

Als Grossaktionäre treten an dieser Medienkonferenz Philipp Bienz und Reto Preisig auf. Über die exakten Abläufe, wie es dazu kommen konnte, dass gestern die Namen von vier angeblich neuen Verwaltungsräten inklusive dem neuen Verwaltungsratspräsidenten Stefan Kölliker publik geworden waren und letzterer bereits Radio- und TV-Interviews gab, wollen sie keine exakte Auskunft geben und sprechen nur von fehlerhafter Kommunikation. Von dem Interview von Kölliker hätten sie nichts gewusst und dieser Auftritt sei auch nicht abgesprochen gewesen. Dazu halten die Aktionäre fest, dass man künftig Nachfolgeregelungen gemeinsam mit dem Verwaltungsrat angehen wolle.

Das alles lässt eigentlich nur zwei Interpretation zu: Entweder, dass die Putschisten ohne Absprache und ohne Mandat der anderen Grossaktionäre eigenmächtig neue Verwaltungsratsmitglieder rekrutiert hatten. Und das auch ohne Mehrheit, falls es in einer Abstimmung hart auf hart gekommen wäre. Die vier Aktionäre, die jetzt aussteigen, kommen gemeinsam auf ca, 44% der Aktien.

Oder aber - und so kolportieren es später die Putschisten: Die Grossaktionäre waren sich ursprünglich einmal einig, dann aber über die Dynamik, die sie ausgelöst hatten, so erschrocken, dass sie dann 180 Grad zurückruderten.

Soviel zum Sachverhalt.

Anmerkungen aus der Sicht des Krisenmanagements

Über das Krisenmanagement von «Team Hüppi» ist wenig nach aussen gedrungen. Diese Analyse basiert deshalb auf Beobachtungen und Äusserungen der Involvierten. Wie z.B. aus der von Hüppi, dass er schwierige Wochen und Monate hinter sich habe. Sprich: Es musste im Hintergrund seit Monaten rumort haben. An verschiedenen Stellen heisst es in der Berichterstattung, auch die Reihen der Aktonäre seien nicht geschlossen und es gebe innerhalb des Aktionariats unterschiedliche Positionen. Welcher Grossaktionär welche Positionen vertrat, muss primär aus den Abgängen geschlossen werden: Insbesondere Roland Gutjahr und Patrick Thoma mit je 15% Aktienanteilen werden da genannt.

Die interessante Frage bei den Vorgängen der letzten Stunden: Bei welchen Aktionen handelte es sich um gezielte Massnahmen in einem kuratierten Szenario, das im Rahmen eines höchst professionellen Krisenmanagements vom (alten) Verwaltungsrat ausgearbeitet und umgesetzt wurde?

Gehen wir einmal - rein spekulativ - davon aus, es hätte diesen Krisenkommunikationsplan gegeben. Dann liesse sich der Operationsplan wie folgt rekonstruieren:

Startschuss der Operation mit dem Cupfinal

Hüppi folgte in diesem Falle mit seinen andeutungsweisen Aussagen im Interview bei Rainer Maria Salzgeber unmittelbar nach dem Cupsieg einer von langer Hand vorbereiteten Inszenierung. Als langjähriger Medienprofi weiss er, dass seine Andeutungen sofort Recherchen der Medien zur Folge haben würden. Längst mit eingebunden: die Fans. Die Spruchbänder auf der Tribüne belegen, dass der Konflikt auch in Fankreisen schon länger bekannt gewesen sein musste. Dort halten die Fans nämlich dem «alten» Verwaltungsrat die Stange. Wörtlich hiess es auf den Spruchbändern: «Hinder dem Triumpf stönd die Richtige» sowie «Danke Beni, Patrick G, Christoph, Peter und Matthias!»

Als die Medien die Namen derjenigen publizieren, welche die Nachfolge im Verwaltungsrat antreten sollen, nennen sie keine Quelle dafür. Die Putschistengruppe selbst, die sich nie in der Öffentlichkeit erklärt hat, dürfte kein Interesse gehabt haben, diese Namen vorzeitig und schon gar nicht zu diesem Zeitpunkt an die Presse durchzustossen. Der bisherige Verwaltungsrat um «Team Hüppi» hingegen sehr wohl. Die Putschisten bekommen damit ein Gesicht, und insbesondere zeigen Recherchen schnell auf, dass es sich bei «den Neuen» um Netzwerkfreunde der Putschisten handelt, entweder aus SVP- oder aus Immobilier-Kreisen.

Das Würth-Interview

Noch-Verwaltungsrat und Mitte-Ständerat Benedikt Würth gibt dem ST.GALLER TAGBLATT am Dienstag ein Interview, in dem er dramatisch seinen Rauswurf schildert («Wir wissen nicht warum, so etwas habe ich noch nie erlebt») und dass auch die anderen VR-Mitglieder per Ende Juni den Bettel hinwerfen - mit Ausnahme von Thoma. Würth lehnt sich mit dem Interview weit aus dem Fenster. Als Jurist muss er wissen, dass er mit seinen Aussagen gegen die Treuepflicht verstösst, die er seinem Arbeitgeber schuldet und die ihm natürlich verbietet, negativ über ihn zu reden. Gleichzeitig kann Würth damit rechnen, dass der FC St.Gallen wohl kaum gegen ihn juristisch vorgehen würde - ein solcher Schritt würde für den Club zu einem weiteren Reputationsschaden führen - und Würth zum Märtyrer für die gute Sache machen.

Das Interview erreicht das Ziel und stachelt die Wut der Fans und ebenso wie die Berichterstattung in den Medien weiter an: Wie kann man einen Verwaltungsrat, der alles richtig gemacht hat, so schäbig behandeln und grundlos vom Hof jagen? Würth ist in der Öffentlichkeit nach Hüppi der bekannteste Verwaltungsrat und als St. Galler Ständerat bestens vernetzt. Ob er sich dem ST.GALLER TAGBLATT aktiv als Interviewpartner angeboten oder einfach auf die (zu erwartende) Anfrage der Zeitung gewartet hatte, spielt eigentlich keine Rolle. Dass die Zeitung (wie auch jedes andere Medium) aber natürlich auf die Aussagen Würths aufspringen würde, ist klar. Die Medien kosten die Geschichte, die Hollywood nicht besser inszenieren könnte, bewusst aus und generieren Klicks zu Zehntausenden, wenn nicht Hunderttausenden - alleine unser bescheidenes Insta-Video erreicht bis Ende der Pfingstwoche 60‘000 Views. Das zeigt: Die Geschichte lässt kaum jemanden in der Ostschweiz kalt.

Das Ultimatum

Am Mittag vermeldet das ST.GALLER TAGBLATT gerüchteweise, Verwaltungsratspräsident Matthias Hüppi, der offiziell nie für eine Stellungnahme erreichbar war, habe ein Ultimatum gestellt: Entweder würden die Aktionäre Patrick Thoma und Roland Gutjahr sich zurückziehen, oder er werde noch am selben Tag seinen Rücktritt bekannt geben. Hüppi wird der Frage, ob er dieses Ultimatum tatsächlich gestellt hatte, an der Medienkonferenz am Mittwoch ausweichen, den Vorgang aber auch nicht abstreiten.

Von dem Ultimatum erfahren haben kann die Zeitung entweder von den Grossaktionären oder aus Hüppis Umfeld. Die Grossaktionäre dürften allerdings kein bis wenig Interesse daran gehabt haben, die Information ans TAGBLATT durchzustossen - es setzte sie ja nur noch zusätzlich unter Druck.

Das Ultimatum ist also mutmasslich ein weiterer cleverer Schachzug aus dem Werkzeugkasten der Krisenkommunikation: Das Ventil am Dampfkochtopf zeigt jetzt schon drei Ringe und signalisiert Fans und dem gesamten Umfeld: Wer jetzt noch Einfluss auf den Lauf der Geschichte nehmen will, muss sofort handeln - sonst ist es zu spät. Die Berichterstattung von BLICK.CH, der Hüppis Ende zu diesem Zeitpunkt bereits gekommen sieht, passt bestens in diesen Moment und verstärkt den Eindruck noch einmal, dass der Mist geführt ist, wenn jetzt nicht sofort die Reissleine gezogen wird. Zumal die Leserschaft des BLICK mit 82% fand, Hüppi müsse im Amt bleiben. Das TAGBLATT.CH schreibt schon seit dem Morgen: Hüppis Tage beim FC St.Gallen sind gezählt - ist es das wert?

Köllikers Eigentor

Es folgt schliesslich das Interview von Stefan Kölliker bei SRF. Es wird kaum Teil einer Kommunikationsstrategie der alten Vereinsführung gewesen sein - falls es eine solche Strategie in der hier skizzierten Art tatsächlich gegeben haben sollte.

Durchaus denkbar ist aber, dass man Kölliker schon so einschätzte, dass er allenfalls auf eine Interviewanfrage eingehen könnte. Ganz einfach aus der Tatsache heraus, dass Politiker (und ehemalige) kaum je einen Interview-Wunsch abschlagen und sich gerne inszenieren, ohne zu sehr darüber nachzudenken, ob ihnen das nützt oder schadet. Motto: Hauptsache nicht in Vergessenheit geraten.

Und Kölliker hilft«Team Hüppi» in wohl unbeabsichtigter Weise: Der alt SVP-Regierungsrat tritt biedermännisch vor einem brauen Eichenschrank im Wohnzimmer auf, wirkt wie ein Beamter ohne Charisma und Energie, windet sich bei kritischen Fragen («Warum treten vier Verwaltungsräte zurück») und erzählt bei anderen ungeprüfte Interna («Man hat keine Rückmeldung vom Präsidenten»). In Summe wirkt er wie das purlautere Gegenteil von Hüppi: bieder, bünzlig, ohne Charisma. Nicht vorzustellen, wie ein FCSG unter Kölliker die Fussball-Euphorie in der Ostschweiz hätte weitertragen sollen. Köllikers Auftritt macht vielen klar: Nein, so darf die Zukunft des FCSG nicht aussehen.

In der Berichterstattung werden schliesslich auch Sponsoren erwähnt, welche sich besorgt gezeigt hätten. Ob dem tatsächlich so ist oder war, lässt sich bis heute nicht verifizieren. Namentlich wird nie ein Sponsor genannt. Woher die Information auch immer gekommen sein mag: geeignet, den Druck weiter zu erhöhen, war sie sehr wohl. Zusammen natürlich mit den vielen Einträgen der Fans, die aber mehr auf deren eigenen Seiten kommentierten als z.B. auf den Online-Portalen von BLICK.CH oder dem TAGBLATT.CH.

Wenn sich sogar die Regierung einmischt?

Schliesslich der nächste Schachzug: Die St. Galler Kantonsregierung tut, was vor ihr noch nie eine kantonale Regierung getan hat: Sie mischt sich in die Personalgeschäfte eines Fussballclubs ein und ruft die Grossaktionäre zur Mässigung auf. Was im Hintergrund abgelaufen ist, bevor und dass es zu dieser Stellungnahme kommt, entzieht sich dieser Analyse. Klar ist aber, dass Würth als Ständerat regelmässig und eng mit der Kantonsregierung zusammenarbeitet und in Bundesbern als Bote für die St. Galler Anliegen fungiert. «Gibst Du mir die Wurst, lösch’ ich Dir den Durst», heisst ein geflügeltes Wort in der Politik. Man hilft sich gegenseitig. Vielleicht auch hier?

Später am Abend zieht dann auch noch die links-grüne Stadtregierung von St. Gallen nach, die allerdings etwas mehr Zeit braucht. Beziehungsweise: zu viel Zeit - ihre Stellungnahme dürfte bereits keine Rolle mehr gespielt haben. Denn die Würfel sind unterdessen zugunsten von «Team Hüppi» gefallen und die Mehrheit der Grossaktionäre hat die Putschistenfraktion offenbar dazu bringen können, unter dem enormen öffentlichen Druck einzulenken, ihre Aktienpositionen zu verkaufen und sich zurückzuziehen.

Fazit

Wie sehr die geschilderten Vorgänge tatsächlich einem cleveren, ausgearbeiteten und durchdachten Krisenkommunikationsplan folgten, bleibt offen. Matthias Hüppi stellte an der Medienkonferenz in Abrede, dass seine Aussage vom Sonntag, die alles ins Rollen brachte, so beabsichtigt war und er die nachfolgenden Chaostage ganz bewusst provozieren wollte. «Was mir rausrutsche am Sonntag, das war nicht geplant. So clever bin ich nicht. Es ist aus mir herausgefallen.»

Davon mag man halten, was man will. Zweifellos ist Hüppi mit voller Inbrunst und aller Emotion dabei. Da mag es sein, dass mit dem Abfallen der ganzen Last des erwarteten Erfolgs die Gefühle mit ihm durchgingen. Dass Hüppi aber «nicht so clever» sein soll, darf man ihm nicht durchgehen lassen. Das Gegenteil ist der Fall: Hüppi ist einer, wenn nicht vielleicht der begnadetste Kommunikator im ganzen Sportzirkus. In der Schweiz mindestens, womöglich im gesamten deutschsprachigen Raum.

Das bewies der Präsident mit der Medienkonferenz vom Mittwoch, die zu einer Show seiner selbst wurde. Niemals peinlich, niemals narzisstisch, immer perfekt bedacht auf Ausgleich und ohne ein böses Wort gegen die Putschisten. Sondern mit dem Aufruf, Drohungen und persönliche Attacken zu unterlassen. Ein staatsmännischer Auftritt.

Hüppi bewies, dass er jahrzehntelange Erfahrung mitbringt in der öffentlichkeitswirksamen Kommunikation. Er hat schon als Journalist immer wieder beobachten können, wie im Sport - und im Fernsehen - Intrigen ablaufen, welche Rezepte erfolgreich sind und welche nicht. Gut möglich, dass er deshalb gar keine ausgefeilte Kommunikationsstrategie benötigte, um den Putschversuch abzuwenden. Sondern einfach instinktiv und intuitiv alles richtig machte. Und dazu mit Benedikt Würth einen Verwaltungsrat neben sich wusste, der aus der Politik genauso viel Erfahrung im Umgang mit Intrigen und Ränkespielen mitbringt.

Klar wurde mit den Chaostagen aber auch: Dass das «Team Hüppi» den Putsch erfolgreich abwenden konnte, hat auch mit dem Vertrauen zu tun, dass der FCSG in den letzten Jahren unter seiner Führung aufbauen konnte. Wir nennen es in der Krisenkommunikation das «Reputationskonto». Ist es gut gefüllt, kann eine Organisation in der Not darauf zurückgreifen. Wer gute Arbeit leistet, die verschiedenen Anspruchsgruppen pflegt und und auch leistungsmässig «abliefert», zahlt kontinuierlich auf dieses Reputationskonto ein. Ob die ganze Angelegenheit ohne diese strategische Erfolgsposition ebenso verlaufen wäre? Die Frage bleibt hypothetisch, aber zweifelsfrei Stoff für die nächsten Stammtischrunden in der Ostschweiz.

Nachtrag

Am Mittwochabend, 27. Mai 2026, hat Michael Hüppi beim Regionalsender TELE OSTSCHWEIZ noch einmal Stellung genommen. Das Gespräch mit Stephan Schmid und Sven Lenzi ist im Internet abrufbar unter:

https://www.tvo-online.ch/zur-sache/cupsieg-und-machtkampf-beim-fcsg-163997566

Bild: FCSG Homepage

Patrick Senn

Patrick Senn ist Director bei der comexperts Ltd, seine Themenschwerpunkte sind Krisenkommunikation und Auftrittskompetenz.

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