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Die Sache mit der Zensur

March 03, 20263 min read

Die Sache mit der Zensur

Raketen über Dubai

Unerwünscht:

TikTok, Insta und die weiteren Social Media Plattformen provozieren im Zusammenhang mit dem Krieg im Iran eine Zensur-Debatte. Die Gleichschaltung der Influencer-Accounts aus Dubai ist so offensichtlich, dass wohl die Regierung dahinterstecken muss. Dabei sorgt die Zensur für einen grösseren Imageschaden, als wenn die Influencerszene einfach laufengelassen worden wäre.

Als Influencerin nach Dubai auswandern, ab und zu ein paar Videos über neue Kosmetika oder neue Technik-Gadets, und immer gerne natürlich auch die Vorzüge des Standortes mit allen seinen Annehmlichkeiten in den Vordergrund gerückt. Das Lebensmodell, dem in den letzten Jahren insbesondere viele Frauen aus Deutschland gefröhnt hatten, dürfte vielen so attraktiv erschienen sein, dass auch der Neid nicht weit war. Insbesondere, als sich die Lage letzten Samstag schlagartig änderte. Dubai, die Stadt, im dem Milch und Honig zu fliessen schienen und von deren Sicherheit alle schwärmten, wurde plötzlich Ziel von Gegenschlägen aus dem Iran. Und einige der Influencerinnen und unfreiwilligen Kriegsberichterstatterinnen, gefangen in einer Stadt, aus der es aufgrund des geschlossenen Luftraums kaum eine Fluchtmöglichkeit gab.

So fluteten auf TikTok und Co. die Augenzeugenberichte der Influencerinnen die «For you»-Page. Viele zeigten sich besorgen, selten sah’ man auch mal jemanden mit Tränen in den Augen. Einige berichteten von Chaos am Flughafen, wo eben keine Ausreise mehr möglich war. Das Bild, das sich dem ausländischen Betrachter bot, war recht vielfältig, aber nirgends negativ gegenüber Dubai. Negativ äusserten sich lediglich einige Kommentatoren der Videos. Zum Beispiel, wenn sich jemand beklagte, dass Deutschland, das Land, dem sie den Rücken gekehrt hatten, weil es unsicher und die Steuerbelastung zu hoch geworden war, jetzt keine Anstalten machte, die Dubai-Auswanderer zurückzuholen. Nicht nett, diese Kommentare, aber im Grundgedanken noch verständlich.

Absurd wurde es erst am Tag danach, als – auch wieder auf Tiktok – die ersten Videos erschienen, die monierten, dass plötzlich alle diese Influencerinnen dieselbe Geschichte erzählten: Sie fühlten sich sicher, Dubai habe das beste Luftabwehrsystem, es sei eigentlich alles die meiste Zeit ruhig. Tatsächlich hatten auch schon am Vortag einige offizielle Accounts aufgerufen, im Internet keine Gerüchte zu verbreiten und lediglich die Behördenpropaganda weiterzugeben.

Kurzum: Die Zensur griff ein, was einige der Influencerinnen, wenn auch nicht ganz so direkt, durchaus zugaben und auch erzählten, sie hätten frühere Videos gelöscht. Andere erinnerten daran, dass die Influencer-Szene scharfen vertraglichen Bedingungen unterworfen sei und alles andere als frei darin, was sie über Dubai berichten dürften. Wer kritisches sage, würde seinen Aufenthaltstitel verlieren und teilweise hohe Strafen gewärtigen. Die Zensur wurde so offensichtlich, dass das Thema seinen Weg in die alten Medien fand, z.B. auf BLICK.CH, auf WELT.DE oder auch HEUTE.AT.

Aber wofür die Zensur, fragt man sich als Beobachter aus der freien oder zumindest noch etwas freieren Welt. Auch die ersten, eher besorgten Videos, hatten zu keinem Zeitpunkt das Potential, eine unkontrollierbare Panik zu schüren. Kommt hinzu, dass die regierungseigenen Videos des «offiziellen» Dubai gut und sympathisch gemacht waren – und geeignet, die Menschen zu beruhigen. Es bestand also eigentlich keinerlei Anlass für die Zensurmassnahmen, die genau das Gegenteil dessen erreichten, was gefordert war: Niemand nimmt die Influencer-Videos noch ernst, sie sind als Regierungspropaganda ohne inhaltlichen Wert geoutet. Das ist schade für das aufstrebende Dubai, dass diese Zensur doch eigentlich gar nicht nötig hätte. – Und dass noch lernen muss, dass man das Publikum nicht für blöd verkaufen kann.

Patrick Senn ist Director bei der comexperts Ltd, seine Themenschwerpunkte sind Krisenkommunikation und Auftrittskompetenz.

Patrick Senn

Patrick Senn ist Director bei der comexperts Ltd, seine Themenschwerpunkte sind Krisenkommunikation und Auftrittskompetenz.

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